P o l k l o r e
Konzept
In der modernen Kultur und in der heutigen Lebenspraxis, finden Form und Funktion der traditionellen Folklore keinen Platz mehr. Die Kultur wird immer globaler, die Realität immer "städtischer".
Die Volkskunst und Volksbräuche verschwinden auch in Polen, dem Land, das sich immer noch als sehr "folkloristisch" im Ausland darstellt (erwähnt sei etwa der polnischen Pavillon bei der EXPO 2000 in Hannover). Die polnischen Handarbeiten, die polnischen Wollsocken, die polnische Landwurst... Das alles wird unter der Marke "Polen" verkauft und gehört längst zum touristischen Standardangebot. Ist es aber die echte Folklore?
Nach der Wende und dem EU-Beitritt veränderte sich nicht nur die politische Struktur Polens. Das Land stellt sich zur Zeit viele Fragen nach der eigenen Identität und Nationalkultur. Dabei sind die folkloristischen Motive, die immer öfter in der aktuellen Kunst und Mode sowie im Design erscheinen, nicht zu übersehen.
Einerseits gibst es in der städtischen Landschaft Polens jede Menge Kitsch, der sich auf die Folklore beruft. Anderseits gibt es eine echte Faszination für die Folklore: also den Folklorismus, den man vor allem in der Folkmusik findet.
Und wenn das erste vielleicht nur den Bedürfnissen nach Rustikalität oder den Trends des Marktes entspricht, erforscht das andere die Folklore und überarbeitet seine authentischen Elemente durch Stilisierung und neues Arrangement. Beides ist heute in der polnischen Kultur und Realität zu finden.
Die Ausdrucksformen der Faszination von Folklore in der modernen polnischen Gesellschaft stehen im Mittelpunkt der Kunstaktion "Polklore", die für Stuttgart konzipiert wurde. Der Aktionsfokus soll neue, nicht für die traditionelle Folklore charakteristische, Gesellschaftsgruppen einschließen. Dabei geht es nicht um eine weitere Produktion von folkloristischen Motiven, auch nicht um Übertragung der polnischen Trends in den Stadtraum von Stuttgart. Vielmehr geht es um die Auseinandersetzung mit dem Phänomen. Dazu wurden professionelle bildende Künstler und Musiker aus Polen eingeladen. Sie als "Stadtbewohner" haben die Gelegenheit die Folkmode oder den Folklorismus vor Ort zu beobachten. Lässt sich ihre Kunst von dem Phänomen formal beeinflussen? Interpretiert ihre Arbeit die vorhandene Realität?
Den Rahmen für das Projekt bildet das Deutsch-Polnische Jahr 2005/2006, das eine Chance bietet, um erneut die Frage nach Aktualität und Wichtigkeit der nationalen Differenzierung in der jungen Generation in Deutschland und Polen zu stellen.
Ausgangspunkt des Projektes sind Fragen zu folkloristischen Elementen in der städtischen Kultur Polens. Dabei wird auch nach der heutigen Gesellschaft Polens und dem Identitätsverständnis der jungen Polen gefragt. Ziel des Projektes ist es, einige Positionen junger polnischer Kunst direkt im deutschen Stadtraum zu präsentieren. Das Thema der Aktion soll auch eine Herausforderung für die angefragten KünstlerInnen sein. Die Kunstwerke werden ortspezifisch an den urbanen Kontext von Stuttgart angepasst oder für ihn neu entworfen. Dadurch wird die Aktion auch das Ziel anstreben, sich direkt mit dem Stuttgarter Publikum auseinander zusetzen. Die Aktion wird sich also nicht ausschließlich an das "Kunstpublikum" wenden. "Polklore" möchte sich Gedanken über die kulturelle Aktivität der heutigen Polen machen und sie visualisieren. Zu dieser Betrachtung sind die Einwohner von Stuttgart herzlich eingeladen.
Das Projekt wurde als eine Reihe von Kunstaktionen konzipiert. Dazu wurden junge, bereits in der Kunstszene Polens etablierte Künstler eingeladen. Sie alle sind mit der Arbeit im öffentlichen Raum vertraut. Jede Aktion wird zu einer individuellen und kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema "polnische Folklore". So werden persönliche Antworten und unkonventionelle Interpretationen erwartet. Da die Künstler in verschiedenen Formaten und Gattungen arbeiten, wird sich "Polklore" zu einer vielfältigen Gesamtaktion entwickeln.